Das Ende der Festung und die Entfestigung

Die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser am 1. Januar 1871 in Versailles gilt als Geburtsstunde des Deutschen Reiches. Der entscheidende Schritt zur Reichsgründung hatte jedoch bereits einige Wochen früher stattgefunden; am 23. November 1870 war das Königreich Bayern im Vertrag von Versailles dem Norddeutschen Bund beigetreten. Dieser Vertrag war auch für die Zukunft Landaus von größter Bedeutung, denn in seinem Schlussprotokoll wurde die Aufhebung der Festungseigenschaft vereinbart.
Die von den Landauern längst ersehnte Entscheidung wurde dem Bürgermeisteramt am 8. März 1871 in einem Schreiben der königlichen Lokal-Genie-Direktion offiziell mitgeteilt. Damit konnte die Entfestigung beginnen. Genau genommen war sie schon seit einigen Jahren in Gange: Der mächtige Hauptwall, den Vauban 180 Jahre zuvor um die Innenstadt gezogen hatte, stand zwar noch unversehrt, doch die Außenwerke waren bis auf das Fort und das Werk 44 bereits geschleift worden.

Die Bundesfestung Landau im Jahr 1855, vom Dörrenberg aus gesehen. Kolorierter Stich, 1855.

In ihrem Brief hatte die Genie-Direktion um Mitteilung darüber gebeten, an welchen Punkten die Hauptumfassung zum Zwecke der Stadterweiterung durchbrochen werden sollte. Schon zwei Tage später trat der Stadtrat in dieser wichtigen Angelegenheit zu einer Sitzung zusammen und beschloss die Herstellung von sieben Durchbrüchen. Breschen waren vorgesehen in der Verlängerung der Königstraße nach Süden, der Marktstraße nach Norden, der Weißquartierstraße nach Norden und der Rösselsgasse (östlicher Teil der heutigen Westbahnstraße) nach Westen, außerdem südlich der Auslassschleuse der Queich, durch das alte Proviantmagazin im Reduit und an der Poterne 155 (Waffenstraße/Langgasse). Darüber hinaus fasste man den Entschluss, mit den Militärbehörden in Verhandlungen über den Erwerb des gesamten Festungsterrains einzutreten.
Diese Aufgabe übernahm eine ausschließlich aus Laien bestehende „Bau- und Entfestigungskommission“, die sich am 22. Mai 1871 konstituierte. Den Vorsitz führte Bürgermeister Dr. Eichborn. Nach langwierigen Verhandlungen erfolgte schließlich am 15. Juni 1872 der Ankauf eines großen Teils des Festungsareals mit einer Gesamtfläche von 413 Morgen (etwas über 100 Hektar) zum mäßigen Preis von 106.416 Gulden. Ausgenommen blieben zunächst die beiden Torbauten, Magazine, Kasernen und Militärwasserleitungen. Wilhelm Schech, der den Prozess der Entfestigung und Stadterweiterung seit 1875 maßgeblich mitgestaltete, bewertete den Ankauf des Festungsareals vier Jahrzehnte später so: „Mit der Erwerbung der Festung, die von Seite der Stadtverwaltung mit einer hochanzuerkennenden Ausdauer angestrebt und endlich erreicht wurde, trat ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte der Stadt Landau ein. Die Männer, welche zu jener Zeit an der Spitze der Stadtverwaltung standen und ihr ganzes Können in den Dienst der Sache stellten, besonders der energische Bürgermeister Dr. Eichborn, haben sich für alle Zeiten um die Stadt Landau verdient gemacht.“ Letzteres gilt freilich nicht minder für den langjährigen Stadtbaumeister selbst, der beispielsweise in den 1870er Jahren vehement für die Erhaltung des Deutschen und des Französischen Tores eintrat, obwohl beide Bauten damals in einem beklagenswerten Zustand waren: Die im Frühjahr 1874 abgenommenen Giebel mit dem Bild Ludwigs XIV. kehrten erst 1903 nach Landau zurück. Heute sind die als bedeutende Kulturdenkmäler geltenden Torbauten die Wahrzeichen der Stadt.

Stadtbaumeister Wilhelm Schech. Fotografie, 1916.

Bevor die Schleifung begann, nutzten die Landauer die bisher für Zivilpersonen nicht zugänglichen Festungsanlagen als „Naherholungsgebiet“: „Der Wall war auf seiner Höhe hinter der Brustwehr von einem Fahrweg gekrönt, der einen Rundgang um die ganze Stadt gestattete, da man auch durch die Toraufbauten hindurchgehen konnte, und beiderseitig nach französischer Art mit hohen Ulmen, in Landau Rüster genannt, bepflanzt. (…) Nach Aufhebung der Festungseigenschaft und vor Abbruch der Werke bot der Wall einen sehr hübschen Spaziergang.“ Für die Jugend waren die Werke und besonders die im Süden der Festung zahlreich vorhandenen Minengänge ein idealer Abenteuerspielplatz; mit Kerzen ausgestattet, konnte man dort auf Entdeckungsreise gehen. Die während der späteren Abbrucharbeiten zahlreich zutage geförderten Relikte der kriegerischen Vergangenheit zogen auch die Älteren in ihren Bann. Adolf Ufer, damals ein etwas über zehn Jahre alter Junge, berichtet darüber in seinen Erinnerungen: „Als man mit den Breschen durch die Südfront kam, die bei den verschiedenen Belagerungen jeweils den Hauptangriff auszuhalten hatte, fand man eine Menge Bombensplitter und viele ganze Rundkugeln, so daß davon Hunderte von Zentnern abgefahren wurden. Das war natürlich für uns Buben ungemein interessant und auch die Großen blieben gerne bei den Erdarbeiten stehen und freuten sich, wenn einmal ein besonders großes Stück geborgen wurde. Meiner Erinnerung nach müssen dabei schon Kaliber bis zu 30 cm gewesen sein.“
Anfangs war durchaus unklar, wie das künftige Stadtbild zu gestalten sei und ob Teile der Festung erhalten bleiben würden. Einig war man sich über die Aufstellung eines langfristigen Gesamtplans, der die neu zu erschließenden Gebiete vollständig umfassen und längere Zeit Gültigkeit besitzen sollte. Ein förmlicher Wettbewerb wurde nicht ausgeschrieben, doch suchten die Verantwortlichen durchaus den Rat auswärtiger Experten. Bereits im Juni 1871 nahm man Kontakt auf mit dem in Frankfurt/Main tätigen Zivilingenieur Johann Peter Schmick und dem dortigen Stadtbaurat Rudolf H. Burnitz, die im März des darauffolgenden Jahres ihren Landau-Plan präsentierten. Diesen legte die Stadt dem königlichen Bauassessor Georg Maxon in Speyer vor, der die Vorlage überarbeitete und eine eigene Version entwarf. Ein dritter Plan, der ebenfalls auf Schmicks und Burnitz’ Überlegungen basierte, stammte von dem Darmstädter Baurat Ludwig Weyland.
Damit lagen der Stadtverwaltung drei Pläne vor, von denen jedoch keiner die Zustimmung der Verantwortlichen fand. Mit dem Plazet des Stadtrats beschloss die „Bau- und Entfestigungskommission“ daraufhin die Erstellung eines eigenen Erweiterungsplans, der die Vorzüge der eingereichten Entwürfe in sich vereinigen sollte.
Schon Stadtbaumeister Schech bedauerte rückblickend, „dass der Plan von Schmick, Frankfurt, mit seinen großzügigen Ideen, die sowohl geschickte Verkehrslinien als auch pietätvolle Gruppen von Festungsteilen in sich einschlossen, vollständig unberücksichtigt geblieben war, mögen auch einzelne Gedanken (…) als kaum ausführbar (…) bezeichnet werden können.“ Tatsächlich könnte Landau heute weit mehr präsentieren als nur das Fort und die beiden Tore, wenn dieser Entwurf realisiert worden wäre, denn in diesem Fall wären große Teile der Festung erhalten geblieben. Doch muss man auch die Argumente der damals Verantwortlichen verstehen: Landau sollte sich zukunftsweisend entwickeln – ohne die hemmende Festung.
Der modifizierte Plan der „Bau- und Entfestigungskommission“, der schließlich zur Ausführung kam, orientierte sich primär an den Gutachten von Weyland und Maxon. Sein Grundkonzept bestand darin, anstelle des Oktogons der Festung Ringstraßen anzulegen, die in etwa auf dem alten Hauptwall verlaufen sollten. Ein Blick auf den Landauer Stadtplan zeigt, dass man von diesem Schema lediglich im Norden abwich, wo der Nordring streng in Ost-West-Richtung ohne Bezugnahme auf den Grundriss der Festung verläuft. Ein Schwachpunkt des Erweiterungsplanes lag darin, dass das Straßennetz der Altstadt nur ungenügend an die neu konzipierten Stadtviertel angebunden war; eine harmonische Verschmelzung von Alt und Neu war daher kaum möglich. Außerdem waren für die projektierte Neustadt keinerlei Plätze vorgesehen. Dieses Manko wurde schließlich bis zu einem gewissen Grad dadurch ausgeglichen, dass die Gebäude an den Kreuzungen zum Kreuzungsmittelpunkt hin abgeflacht wurden, wodurch zumindest der Eindruck eines Platzes entstand.
Am 7. Juni 1873 verabschiedete der Stadtrat die „Grundsätze für die Landauer Stadterweiterung“. Mit dem 28 Paragraphen umfassenden Regelwerk wollten die Stadtväter sicherstellen, dass die Gestaltung des zukünftigen Stadtbildes nicht dem Zufall oder der Finanzkraft des Bauherrn überlassen blieb. In der Pfalz wurde erst 1890 eine Bauordnung erlassen; die Stadt hatte daher selbst aktiv werden müssen, um eine einheitliche Bebauung der Neustadt zu gewährleisten. Die in den „Grundsätzen“ niedergelegten Vorgaben schrieben in § 6 vor, dass die an den Straßenecken errichteten Bauten in der Fluchtlinie ausgeführt werden mussten. Weiter heißt es dort: „Damit aber an den Straßen keine Winkel entstehen, muß dann die Fluchtlinie mit einer geschmackvollen Einfriedung versehen werden. Sämmtliche zurückspringenden Bauten müssen parallel zur Straßenflucht ausgeführt werden.“ Der folgende Paragraph war entscheidend für die reiche Ausgestaltung vieler Häuser an Straßenkreuzungen: „Bei allen in der Fluchtlinie ausgeführten Gebäuden dürfen im Erdgeschosse Balkone, Erker sowie Ornamente und Strukturtheile, welche eine Ausladung von 0,20 M. überschreiten, nicht ausgeführt werden. Im 1. und den folgenden Stockwerken können Balkone und Erker angebracht werden, dürfen aber die Ausladung von 1,20 M. nicht überschreiten, dagegen können an allen nicht an die Fluchtlinie projectirten Gebäude Risalite, Balkone, Erker, Freitreppen, Terrassen, Perrons und Portale ausgeführt werden, da dieselben einer Straßenfronte ein reiches kräftiges Relief verleihen.“ Der Schaffung eines einheitlichen Erscheinungsbildes dienten auch die Paragraphen 10 und 11, die die Bauherren verpflichteten, mindestens zwei Drittel der Front eines Bauplatzes zu bebauen, wobei die Häuser wenigstens zweistöckig sein mussten. § 23 schließlich schrieb Fristen für die Bebauung vor und versuchte, Grundstücksspekulationen auszuschließen: „Die zu errichtenden Gebäude sind binnen 3 Jahre vom Tage des Kaufes unter Dach zu bringen. Die Nichtbefolgung dieser Bedingung zieht die Auflösung des Kaufvertrages und den Verlust eines Viertels des Kaufpreises nach sich.“ Die Landauer „Grundsätze“ stießen auch überregional auf positive Resonanz; im Ergebnis trugen sie wesentlich dazu bei, dass in den neu entstehenden Stadtvierteln tatsächlich ein einheitliches und bis heute beeindruckendes Stadtbild erreicht wurde.
Die Schleifung der Festung begann am 1. Juli 1872. Östlich der Kriegsspitalkaserne wurde die erste Bresche in den Hauptwall geschlagen; ausgeführt wurden die Arbeiten vom ortsansässigen Unternehmen Thyret. Jetzt gab es einen bequemen und direkten Weg zum Bahnhof, dessen Anbindung ein vorrangiges Ziel gewesen war. Am 8. September war der erste Durchbruch abgeschlossen; die lokale Presse feierte das Ereignis als einen Wendepunkt in der Stadtgeschichte. In den folgenden Monaten schritten die Abbrucharbeiten zügig voran, so dass der „Landauer Eilbote“ am 29. Dezember bilanzieren konnte: „Die Demolitionsarbeiten an den verschiedenen Punkten des Festungsgürtels schreiten in erfreulicher Weise fort. Namentlich geht es am Werk 44, wo der Eisenbahndamm allmählich höher steigt, (…) munter vorwärts.“ Im Januar 1873 wurde der Hauptwall zur Verlängerung der Marktstraße nach Norden, zur „Godramsteiner Chaussee und zum Nußdorfer Weg“, durchbrochen. Unter die ersten Abbrucharbeiten fiel auch die teilweise Schleifung der sieben mächtigen bastionierten Türme. Die beträchtlichen Erlöse aus dem Verkauf der Eichenbalken der beschussicheren Abdeckung und des Steinmaterials flossen in die Stadtkasse.

Der bastionierte Turm 53 befand sich östlich des Deutschen Tores (nördlich der heutigen AOK). Gut erkennbar sind die Geschützscharten zur Bestreichung der Kurtine und des Vorgeländes. Ob der an der Spitze eingemauerte Stein Vaubans oder Mélacs Wappen zeigt, ist unsicher; heute befindet sich der „Mélac-Stein“ im Ostpark nahe der Festhalle.

Bald wurde deutlich, dass die in der ersten Phase oftmals wenig systematisch durchgeführten Entfestigungsarbeiten einer zentralen Planung und technischen Leitung bedurften. Diese Aufgabe übernahm der Ingenieur Raimund Huber, der bisher beim Hafenbau in Wilhelmshaven tätig gewesen war. Am 1. März 1873 trat er den Dienst in Landau an. Mit seinem Stadtplan, der die Einteilung der Stadt in acht Sektionen vorsah, schuf Huber die Voraussetzungen für einen geordneten Fortgang der Entfestigungsarbeiten und der Stadterweiterung. „Damit war auch die Möglichkeit gegeben, nunmehr zur Versteigerung von Bauplätzen, auf welche von der Bürgerschaft mit Schmerzen gewartet wurde, zu schreiten.“ Die ersten Bauplätze im Bereich der Westbahnstraße (Sektion I) und der Ostbahnstraße (Sektionen V und VI) wurden im Juni 1873 an sieben Interessenten versteigert. In der Folge blieb der Absatz der Bauplätze allerdings zeitweilig hinter den Erwartungen zurück; das Angebot an Grund und Boden war größer als die Nachfrage. Erst als Landau 1890 wieder Garnisonsstadt wurde, erhielt die private Bautätigkeit einen kräftigen Schub, da zahlreiche Offiziers- und Unteroffizierswohnungen benötigt wurden.
Durch Kompetenzstreitigkeiten und fortwährende Einmischungen von außen zermürbt, gab Huber nach nur zwei Jahren resigniert auf. Sein Nachfolger wurde Wilhelm Schech, der, 1886 zum Stadtbaumeister ernannt, künftig die gigantischen Arbeiten leiten sollte. Seine 1913 abgeschlossene und später ergänzte Chronik „Entfestigung und Erweiterung der Stadt Landau 1867-1919“ ist eine der wichtigsten Quellen zur Schleifung der Festung und zur parallel dazu verlaufenden Entstehung des „neuen“ Landau.
Über die Durchführung der Entfestigungsarbeiten sind wir durch schriftliche Quellen und Fotos gut informiert. Sie wurden in zwei Kategorien eingeteilt: Die aufwändigen Abbrucharbeiten an den bastionierten Türmen, dem Hauptwall und den anderen Werken wurden ausgeschrieben und an Baufirmen vergeben. Leichtere Arbeiten wie Einebnung der Glacisflächen, Aufschüttung von Straßen u.ä. führte die Stadt in eigener Regie aus und beschäftigte dafür zeitweilig bis zu 700 Arbeitskräfte. Das Militär zeigte sich kooperativ und stellte für die in Landau tätigen Saisonarbeiter fünf Baracken zur Verfügung. Arbeitsmaterial wie Schaufeln, Spitzhacken und Schubkarren mussten die angeworbenen Arbeiter selbst mitbringen. Trotzdem herrschte zeitweilig Arbeitskräftemangel, so dass in den 1890er Jahren italienische Gastarbeiter nach Landau kamen, lange vor dem „Wirtschaftswunder“ der späten 1950er und 1960er Jahre. Untergebracht wurden sie in behelfsmäßigen Baracken, die sie wahrscheinlich selbst aufbauen mussten.
Bei der Gefährlichkeit der auszuführenden Arbeiten blieben schwere Unfälle nicht aus – immerhin war der Hauptwall durchschnittlich 12 Meter hoch. So berichtete der „Landauer Anzeiger“ am 27. Oktober 1873: „Am verflossenen Samstag Vormittag um halb 10 ereignete sich bei den hiesigen Entfestigungsarbeiten ein schmerzlicher Unglücksfall. Der Abbruch der Bastion 5 war von der städtischen Verwaltung dem Unternehmer Imsweiler aus Hohenöllen im Accord übertragen worden; dieser hatte nun mit dem Tagarbeiter Schlee ein größeres Stück Erde, trotz vorausgegangener Warnung, so weit untergraben, daß etwa 50 K.-Meter herabstürzte und beide Männer 4 Meter hoch verschüttete. Nach etwa 20 Minuten gelang es dieselben auszugraben, sie wurden ins Bürgerhospital gebracht, woselbst Schlee bereits nach 4 Stunden und Imsweiler heute früh ebenfalls an den erlittenen Verletzungen gestorben ist.“
Im Verlauf der Entfestigungsarbeiten fielen gewaltige Materialmengen an. Allein beim 1882/83 erfolgten Abriss des Reduits an der Ostbahnstraße waren etwa 52.000 qm Bauschutt abzutransportieren und zu veräußern, davon 17.600 qm wiederverwendbare Steine. Das alles wurde in reiner Handarbeit mit Schaufeln und Schubkarren bewegt. Erst später kamen Kipploren zum Einsatz, die auf schmalen Gleisen geschoben oder von Pferden gezogen wurden, und ganz am Ende auch Lastwagen. Bei der Schleifung des Reduits hatte man erstmals Sprengungen mit elektrischer Zündung durchgeführt, die „ohne Schaden für die nahen Militärgebäude glatt von statten gingen und Gewölbe um Gewölbe, aus denen die Reduitumwallung vorwiegend bestand, zum Einsturz brachten“, wie Schech in seinen Aufzeichnungen festgehalten hat. Die Gebäude im Innern des Reduits, die in militärischem Besitz verblieben waren, tragen heute nach gelungener Konversion den Namen „Quartier Chopin“.

Beim Abbruch des Reduits wurde erstmals mit Sprengungen gearbeitet, die die mächtigen Gewölbe kontrolliert zum Einsturz brachten. Fotografie, 1882/83.

Mit dem abgetragenen Baumaterial wurden die metertiefen Festungsgräben und die im Norden und Osten gelegenen Überschwemmungskessel verfüllt, und auch für die neu angelegten Straßen im Südwesten beispielsweise verwendete man Bauschutt, der bei der Schleifung der Festungswerke und –wälle beiderseits des Französischen Tores angefallen war. Für den Bau der Ringstraßenhäuser scheint man nicht auf Steine aus abgetragenen Festungsteilen zurückgegriffen zu haben; gesichert ist, dass viel Steinmaterial in die umliegenden Dörfer gelangte, wo es beim Bau von Wohnhäusern und Scheunen eine zweite Verwendung fand.
Ende der 1880er Jahre konnte Stadtbaumeister Schech eine positive vorläufige Bilanz ziehen. „Wie man aus dem flotten Absatz des Baugeländes in den letzten Jahren ersehen kann“, so schreibt er in seiner Chronik, „war die private Bautätigkeit eine ganz befriedigende. Die Straßen aufzuzählen, in welchen Neubauten entstanden, würde hier zu weit führen. (…) Gleichzeitig vollzog sich an verschiedenen Punkten die Beseitigung von kleineren Festungsresten, die Zuschüttung von Gräben. Während von Seite der Stadt die großen Objekte geschleift und das Mauerwerk ausgebrochen wurde, schütteten die Privaten mit ihrem Kelleraushub Grabenreste zu oder füllten mit dem Abhub von Wall- und Glacisresten ihre Hausgärten an. Allseits entwickelte sich eine lebhafte Tätigkeit.“ Die Aufbruchsstimmung, die die Stadt erfasst hatte, spiegelte sich auch in der Lokalpresse, so beispielsweise am 23. April 1889 im „Eilboten“: „Wer die Entwicklung der neuen Stadtteile verfolgt, der wird erhebliche Fortschritte sehen. Es entstehen Neubauten mit so gediegener und prächtiger Außenseite, daß dieselben auch der größten Stadt zur Zierde gereichen würden. Dabei tritt die erfreuliche Erscheinung hervor, daß die zahlreichen neuen Häuser oft schon vor ihrer Fertigstellung vermietet werden können.“ Das uns Heutigen so vertraute Stadtbild nahm allmählich Gestalt an. Dazu gehören auch die im Wesentlichen zwischen 1874 und 1905 entstandenen Parks, die an die Stelle von Wallanlagen und Vorwerken traten und demnach in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entfestigung stehen.
Was an Mauern und Bastionen fiel, wurde Anfang der 1890er Jahre durch gewaltige Kasernenkomplexe ersetzt. Landau wurde wieder eine große Garnison, die größte Bayerns nach der Hauptstadt München. Aus Sicht der politisch Verantwortlichen brachte eine große Garnison wirtschaftliche Vorteile, und das ohne die Nachteile eines Industrieproletariats, wie es damals in den rasch wachsenden pfälzischen Städten Ludwigshafen, Kaiserslautern und Pirmasens entstand. Dafür war man bereit, Opfer zu bringen: Die Stadt stellte dem Militär riesige Flächen zu einem äußerst günstigen Preis zur Verfügung und übernahm zusätzlich noch die Erschließungskosten.
1890 begann man mit dem Bau der Zwölfmorgen-Kaserne an der Weißenburger Straße. Dort zog das 1881 neu gebildete 18. Infanterie-Regiment mit dem Stab und drei Bataillonen ein, insgesamt deutlich mehr als 2.000 Mann. Das 1890 aufgestellte 5. Feldartillerie-Regiment bezog die Neubauten an der Cornichon-Straße, die im gleichen Jahr in Angriff genommen wurden. Bis zur Fertigstellung der Gebäude waren die Soldaten in Wellblechbaracken auf dem Kasernengelände untergebracht. Für das 23. Infanterie-Regiment baute man die Fort-Kaserne, die später der heutigen Universität weichen musste. Dort kamen seit 1897 der Regimentsstab und das 1. Bataillon unter. Alle genannten Einheiten gehörten zur 3. bayerischen Division („Pfälzische Division“), deren Stabsstellen in einem imposanten Neubau an der Ecke Reiter- und Königstraße untergebracht wurden. Vervollständigt wurde die militärische Infrastruktur durch das 1908 eingeweihte und damals vorbildhafte neue Garnisonslazarett an der Sedanstraße (heute Lazarettstraße). Das alte, aus dem 18. Jahrhundert stammende Militärhospital war damit überflüssig geworden. Der weitläufige Gebäudekomplex des neuen Lazaretts ist in wesentlichen Teilen erhalten geblieben und nach 1995 zu einem vorbildlichen Konversions- und Wohngebiet geworden („Lazarettgarten“). Am Vorabend des Ersten Weltkrieges lebten in Landau knapp 4.500 Soldaten bei 13.616 zivilen Einwohnern (1910).

Reiterstraße. Rechts im Bild die 1900 abgebrochene Reiterkaserne; im Hintergrund die Synagoge. Fotografie, nach 1884.

Um die Jahrhundertwende gelangte die Entfestigung zu einem gewissen Abschluss. 1902, nach der Schleifung des bastionierten Turms 18 und der vorgelagerten Bastion, war der Hauptwall bis auf den „letzten Wallrest“ in der Pestalozzistraße verschwunden. Stadtbaumeister Schech schrieb dazu: „Mit den Fall dieses Werkes war der Ring in seiner ganzen Ausdehnung freigelegt. Noch in den achtziger Jahren hätte man den für einen Fantasten erklärt, welcher die Durchführung der Ringstraße auf der nördlichen Stadthälfte innerhalb des laufenden Jahrhunderts für möglich gehalten hätte.“ Auch innerhalb der Stadt verschwanden zahlreiche militärische Gebäude aus der Festungszeit, so 1908-11 die Kriegsspitalkaserne und die Weißquartierkaserne. Die beiden Reiterkasernen waren schon im Jahr 1900 abgebrochen worden. Von den einst zahlreichen Kasernenbauten hat die zwischen Markt- und Waffenstraße gelegene Rote Kaserne als einzige die Zeiten überdauert.

Harald Bruckert 7.4.2018