Aus der Geschichte einer alten Reichs- und Festungsstadt

Aus der Perspektive des rückblickenden Betrachters war 1521 ein Schicksalsjahr für die Stadt Landau. Damals trat die Stadt der Dekapolis bei, dem elsässischen Zehnstädtebund, und diese Mitgliedschaft sollte im folgenden Jahrhundert dazu führen, dass Landau den überkommenen Status einer Freien Reichsstadt verlor und zu einer französischen Festungsstadt wurde. Vom ausgehenden 17. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts bestimmten Festungsmauern, militärische Notwendigkeiten und die Anwesenheit einer Garnison maßgeblich das Leben in Landau. Franzosen und Deutsche wechselten sich dabei ab.
Bis dahin war die Geschichte der Stadt eher unspektakulär verlaufen. Drei Daten, die Ersterwähnung 1268, die Verleihung des Hagenauer Stadtrechtes durch König Rudolf von Habsburg und schließlich 1291 die Erhebung in den Rang einer Freien Reichsstadt durch denselben Herrscher deuten eine Entwicklung an, die damals alles andere als untypisch war. Gerade in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts erreichte die Zahl der Stadtgründungen in Mitteleuropa ihren absoluten Höhepunkt. Schon in dieser frühen Phase der Stadtgeschichte bestanden enge Verbindungen ins Elsass. 1282 begann man mit dem Bau einer Kirche für das neu gegründete Kloster der Augustiner-Chorherren; die ersten Mönche waren aus dem Kloster „Zur Steige“ nahe Zabern (Saverne) nach Landau gekommen. Die Stiftskirche prägt bis heute das Stadtbild.

Die älteste Ansicht der Reichsstadt Landau. Holzschnitt von W. Stuber aus Sebastians Münsters Cosmographia, 1547.

Auf die Erfolgsgeschichte der ersten Jahrzehnte folgte ein herber Rückschlag. Im Kampf zwischen Herzog Ludwig von Bayern, den die spätere päpstliche Propaganda Ludwig „den Bayern“ nannte, und dem Habsburger Friedrich dem Schönen stellte sich Landau auf die falsche Seite. Der siegreiche Ludwig verpfändete die Stadt 1324 an den Bischof von Speyer. Erst 1511 konnte sich die Stadt gegen 15.000 Gulden Ablösesumme „freikaufen“. Wenige Jahre später fand Luthers reformatorische Lehre im Landauer Stadtpfarrer Johannes Bader einen wortgewaltigen Vermittler. Die aus der Konfessionalisierung erwachsenden Konflikte mündeten in den Dreißigjährigen Krieg, der auch Landau stark in Mitleidenschaft zog. Truppen verschiedener Kriegsparteien wechselten sich beim Plündern, Requirieren und Eintreiben von Zwangssteuern ab; für die Bewohner machte es keinen Unterschied. 1644 besetzten Franzosen unter dem Kommando des Marquis d’Aumont die Stadt und blieben bis zum Kriegsende.
Der 1648 geschlossene Westfälische Friede war es dann, der für das Schicksal Landaus in den folgenden Jahrhunderten die Weichen stellte. Jetzt kam die Zugehörigkeit zur Dekapolis zum Tragen. Die Paragraphen 72-93 des umfangreichen Vertragswerkes, die über den elsässischen Zehnstädtebund handelten, waren wohl bewusst unklar gehalten; jedenfalls boten sie Ludwig XIV. in der Folge eine Handhabe, um die Souveränität über die Städte für sich zu beanspruchen. Gestützt auf die wachsende militärische Stärke Frankreichs, konnte der „Sonnenkönig“ seinen Anspruch auch durchsetzen: In der „Hagenauer Präsentation“ mussten ihm die Städte der Dekapolis 1661 den persönlichen Treueeid leisten. Damit war die weitere Entwicklung vorgezeichnet. Eine vorübergehende Besetzung Landaus 1673/74 hatten die französischen Truppen genutzt, um die Stadt durch teilweise Zerstörung der mittelalterlichen Befestigung verteidigungsunfähig zu machen. 1679 kamen die französischen Soldaten zurück – und blieben. Der französischen „Reunionspolitik“ hatte das im Südosten von den Osmanen bedrängte Heilige Römische Reich in den folgenden Jahren wenig entgegenzusetzen. Der Abwehrerfolg vor Wien 1683 und die Siege des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden („Türkenlouis“) brachten in den späteren 1680er Jahren eine gewisse Entlastung.
Die Antwort Ludwigs XIV. auf diese veränderte Lage waren starke Grenzfestungen, welche die territorialen Gewinne am Oberrhein gegen mögliche Rückeroberungsversuche sichern sollten. Unter der Leitung des bedeutendsten Festungsbaumeisters seiner Zeit, Sébastien le Prêtre, Marquis von Vauban (1633-1707), entstand eine ganze Kette befestigter Plätze, zu der am Ende neben dem 1681 besetzten Straßburg auch Hagenau, Fort-Louis, Pfalzburg (heute Phalsbourg) und Saarlouis gehörten. Landau als dem östlichsten, am weitesten nach Süddeutschland hineinragenden französischen Vorposten musste in diesem System eine Schlüsselrolle zufallen.
Deshalb begab sich Vauban 1687 persönlich an Ort und Stelle, nahm die Stadt und ihr Umland in Augenschein und fasste die Ergebnisse seiner Beobachtungen in einer an den Kriegsminister gerichteten, letztlich aber für den König bestimmten Denkschrift zusammen. Landau war damals noch von den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges gezeichnet: 31 Häuser waren unbewohnt, die anderen in schlechtem baulichem Zustand, dazwischen viele leere Baustellen. „Das Innere der Häuser ist weder so schön, noch so gut erhalten, wie es in Kolmar oder in Schlettstadt der Fall ist. Man könnte sich darüber wundern, wenn man auf die fruchtbare Umgebung der Stadt blickt und in Betracht zieht, dass wegen der Entfernung Landaus von großen Städten der ganze Handel rings umher auf diese Stadt angewiesen ist. Aber eben dieses Land war seit langer Zeit fortwährend der Schauplatz von Kriegen, und die Stadt selbst wurde mehrmals eingenommen und geplündert, wobei sie jedesmal vollständig ausgesogen wurde.“
Für die Anlange der zu bauenden Festung schien Vauban zunächst das Dorf Queichheim am besten geeignet, denn hier drohte keine Gefahr von der nordwestlich Landaus gelegenen Anhöhe. Die ebene Lage hatte aber den Nachteil, dass der Feind einer dort gelegenen Festung durch Ableitung der Queich das Wasser hätte entziehen können. Wegen des umliegenden hügeligen Geländes war das bei einer Neubefestigung der Stadt selbst ausgeschlossen. Dieses Argument wog schwer und gab letztlich, trotz der damit verbundenen Nachteile, den Ausschlag.

Das aus dem 18. Jahrhundert stammende detailgetreue Modell der Festung Landau ist heute das Spitzenobjekt des Landauer Stadtmuseums.

Vor allem unter strategischen Gesichtspunkten erschien der Ausbau Landaus zu einer modernen Festung aus französischer Sicht unbedingt notwendig. Vauban fasst zusammen: „Das Elsass ist überall und durchweg geschlossen wie eine Schachtel, ausgenommen an dieser einen Stelle, die gerade die gefährlichste von allen ist, denn hier liegt das Land und der einzige Platz, von wo der Feind die Mittel beziehen könnte, um eine Unternehmung durchzuführen. (…) Die Stadt Landau ist einer der wichtigsten Plätze von Elsass und Lothringen und äußerst günstig gelegen, um den Eintritt des Feindes in diese zwei Provinzen zu verhindern, da die Stadt mit Hilfe der starken Heere, die man in dieser Gegend zu unterhalten vermöchte, leicht zu behaupten wäre. (…) Ich kenne keine Stadt im ganzen Königreich, für deren Befestigung ebenso triftige Gründe sprächen, als für die von Landau.“ Im weiteren Verlauf seines Gutachtens vergleicht Vauban in ausführlicher Darlegung zwei mögliche Varianten der zu bauenden Festung, um schließlich seinem „Zweiten Entwurf“ den Vorzug zu geben. Am Ende der Denkschrift sucht der Festungsbaumeister seinen königlichen Herrn mit einem gewagten Versprechen für das Projekt zu gewinnen: „Wenn die Festung nach diesen Vorschlägen gebaut wird, so muss sie eine der stärksten der Christenheit werden.“
Nachdem Vaubans Pläne die Zustimmung des Sonnenkönigs gefunden hatten, wurde unverzüglich damit begonnen, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Das gelang in erstaunlich kurzer Zeit: Schon 1691 war der Bau im Wesentlichen vollendet. Der Einsatz gewaltiger Mittel und die effiziente Organisation ihrer Verwendung stellen insgesamt einen beeindruckenden Beleg dar für die Leistungsfähigkeit des absolutistischen Frankreich am Ende der 1680er Jahre.
Kupferstiche, Pläne und Fotografien aus der Zeit der Entfestigung nach 1872 informieren detailliert über den Aufbau der Festung Landau. Die Stadt war von einem tief gestaffelten System von Verteidigungsanlagen umschlossen, dessen stärkster Bestandteil der 2,2 Kilometer lange und durchschnittlich 11 Meter hohe Hauptwall war. An der Südfront, wo man am ehesten einen Angriff erwartete, betrug seine Höhe sogar 18 Meter. An den Knickpunkten des in Achteckform aufgeführten Hauptwalls befanden sich die für Landau charakteristischen bastionierten (befestigten) Türme, die mit mehr als der Hälfte der gesamten Festungsartillerie bestückt waren. Die zwischen diesen Türmen gelegenen Wallstücke (Kurtinen) besaßen in der Mitte jeweils einen gewölbten bombensicheren Mauerdurchlass (Poterne), der aber ausschließlich militärischen Zwecken diente. Die Zivilbevölkerung konnte die Festung nur durch eines der beiden großen und repräsentativ gestalteten Tore betreten oder verlassen.

Stadtseite des Französischen Tores nach dem Umbau zur Post. Fotografie, ca. 1890.

Den Kurtinen vorgelagert waren Grabenscheren, Außenwerke in Form einer weit aufgeklappten Schere, die selbst wiederum durch Lunetten, halbmondförmige Vorwerke, gedeckt wurden. Dem Schutz der bastionierten Türme dienten sieben vorgelagerte Bastionen, die wie die Türme für den Geschützkampf eingerichtet waren. Eine Besonderheit bildete die im Osten gelegene große Hohlbastion, das Reduit, das weit in das Vorgelände der Festung (Glacis) hineinragte und den neuralgischen Punkt des Queichaustritts mit seinen Schleusenanlagen sichern sollte. Ihnen war im Verteidigungsfall eine wichtige Rolle zugedacht, denn dann wollte man das Vorgelände durch Anstauen der Queich fluten und auf diese Weise ein zusätzliches Annäherungshindernis schaffen. 1700/02 wurde schließlich die gefährliche Anhöhe nordwestlich der Festung durch den Ingenieurobersten Tarade zusätzlich befestigt.
Die mit so großem Aufwand gebaute Festung konnte die in sie gesetzten hohen Erwartungen nur zum Teil erfüllen. Im Spanischen Erbfolgekrieg hatte sie vier schwere Belagerungen zu bestehen, 1702 und 1704 durch die Kaiserlichen, 1703 und 1713 durch die Franzosen. Während der ersten Belagerung 1702 organisierte übrigens General Mélac, der im Pfälzischen Erbfolgekrieg traurige Berühmtheit erlangt hatte, als Gouverneur von Landau die Verteidigung der Festung; nach 84 Tagen Belagerung gewährte ihm der kaiserliche Befehlshaber, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, einen ehrenvollen Abzug. Der Verlauf der Belagerung hatte gezeigt, dass die nordwestlich der Festung gelegene Anhöhe trotz ihrer Befestigung einen Schwachpunkt darstellte; nachdem die Kaiserlichen das Fort im Sturm genommen hatten, war die Kapitulation nicht mehr zu umgehen. In seinem 1894 erschienen Werk über die Belagerungen von Landau im Spanischen Erbfolgekrieg beschreibt Emil Heuser den Zustand von Stadt und Festung kurz vor der Kapitulation: „In der Festung selbst sah es (…) trostlos genug aus. Breschen waren in die Werke geschossen und das beständig in den Graben stürzende Mauerwerk drohte diesen auszufüllen. Von den 3.500 Mann der ursprünglichen Besatzung waren (…) kaum noch 1.800 Mann kampffähig. Neunhundert hatte der Tod hinweggerafft und achthundert lagen verwundet oder krank in den Spitälern. Die Pferde der Kavallerie waren bis auf wenige aufgegessen, alle Lebensmittel mit Ausnahme des Mehls erschöpft und fast die ganze Munition verbraucht. Drei Monate hindurch war ein großer Teil der Truppen beständig im Freien gewesen und nicht aus den Kleidern gekommen. (…) Nicht besser stand es mit der Einwohnerschaft der halb in Trümmern liegenden Stadt. Not und Elend, Hunger und Krankheit und die Bomben der Kaiserlichen hatten den unglücklichen Bewohnern Landaus arg zugesetzt, und der Tod hatte da eine reiche Ernte gehalten. Auch die Bevölkerung vermochte nicht länger mehr die ihr auferlegten Leiden zu erdulden.“ Nach so vielen Bedrückungen hielt sich die Freude der Landauer, wieder unter kaiserlicher Herrschaft zu stehen, verständlicherweise in Grenzen. Der Vermerk im Ratsprotokoll jedenfalls klingt eher nüchtern: „Alldieweil dem Allerhöchsten Gott durch seinen Allweisen Ratschluss es also gefallen, dass nach ausgestandener langwieriger Bloquier-, Belager- und Bombardierung dieser Stadt, dieselbe unter Ihro Majestät des Kaisers und des heiligen Reichs Jurisdiction gekommen.“ Noch dachte man kaum in nationalen Kategorien; das sollte sich erst mit der Französischen Revolution und dem Zeitalter Napoleons ändern.
Durch den Frieden von Rastatt 1714 blieb Landau bei Frankreich. Von den zahlreichen Kriegen des 18. Jahrhunderts blieb die Stadt unberührt. Ein letztes Mal bewähren musste sich die Festung 1793, als sie von Truppen der beiden gegen das revolutionäre Frankreich verbündeten deutschen Großmächte belagert wurde. Der Erfolg blieb den Preußen und Österreichern jedoch versagt: Am Ende war es die französische Revolutionsarmee, die siegreich in Landau einzog. Nach Napoleon und einem kurzen österreichischen Zwischenspiel wurde Landau 1816 bayerisch. Für die Bürger änderte sich dadurch nicht allzu viel, denn die Festungseigenschaft mit all ihren Einschränkungen des zivilen Lebens blieb erhalten. Neben Mainz, Ulm, Rastatt und Luxemburg war Landau jetzt eine Bundesfestung des Deutschen Bundes. 1867 war der Bund Geschichte; die Festung, militärisch ohnehin veraltet, wurde zum „sturmfreien Depotplatz.“ Aber erst der Sieg über Frankreich 1870/71 und der Anschluss der Reichslande (Elsass-Lothringen) an das neu gegründete Deutsche Reich machten den Weg frei für die „Entfestigung“. 1872 wurden die ersten Breschen in den Hauptwall geschlagen, bis zur Jahrhundertwende entstanden an seiner Stelle die prächtigen Ringstraßen, die bis heute das Stadtbild prägen. 1921 wurde der letzte Wallrest an der heutigen Pestalozzistraße abgerissen.

Der 1921 abgebrochene letzte Wallrest an der Kramstraße, links der Galeerenturm. Fotografie, um 1910.

 

Harald Bruckert 6.4.2018